Berufsbildung im Bildungsbericht 2026
Neben dem hohen Ölpreis gibt es wohl aktuell nichts, das die Wirtschaft so stark durchrüttelt, wie die generative künstliche Intelligenz. Sie hat Auswirkungen auf ganze Branchen und wird viele Berufe nachhaltig verändern. Das haben auch die Lernenden erkannt. So sind Suchanfragen nach Berufen mit stark kognitiven Skills nach der Lancierung von ChatGPT im Oktober 2022 um bis zu 15% eingebrochen und lagen auch Wochen danach noch unter dem Niveau davor. Bei Berufen mit manuellen Fähigkeiten war der Einbruch mit rund 5% viel geringer.
Digitale Kompetenzen wichtig und an der HKV gefördert
Die Personalverantwortlichen, welche auch für die Rekrutierung der Lernenden zuständig sind, erwarten ebenso, dass die Anzahl der angebotenen Lehrstellen sinkt. Jedoch deutlich weniger als der erwartete Rückgang der Arbeitstätigkeit. Das lässt darauf schliessen, dass neue Aufgaben dazukommen werden.
KI wird die digitale Transformation der Berufe noch einmal beschleunigen und digitale Kompetenzen werden zunehmend gefragt im Arbeitsmarkt. Dies wurde und wird einerseits in den Anpassungen der Bildungsverordnungen und -plänen berücksichtigt, andererseits ist es sicherlich auch in der Verantwortung der Betriebe und Schulen, KI-Kompetenzen zu fördern.
Diesbezüglich sind wir mit der aktuell laufenden Erweiterung von KVdigital um einen KI-Assistenten und KI-Lernhilfe sicherlich gut aufgestellt. Zudem fliesst der Umgang mit KI an unserer Schule immer wieder in den Unterricht ein. Im Frühjahr haben zum Beispiel Lernende andere Lernende im Umgang mit KI geschult, wie wir berichteten.
Die Digitalisierung kann aber auch Lernprozesse beschleunigen und die Lernleistung sowie die Motivation verbessern und ist deshalb auch für den Lernerfolg relevant. Dabei sind die digitalen Kompetenzen und die Technologieakzeptanz der Lehrpersonen entscheidend. Auch hier haben wir als Schule mit der Einführung von KVdigital vor rund 3 Jahren einen grossen Schritt in diese Richtung unternommen, während die Einführung von Bring Your Own Device (BYOD) für die Lernenden schon weiter zurück liegt.
Lehrbetriebe mit BM1 haben mehr Auswahl
Aber nicht nur die Technologie entwickelt sich, sondern auch die Demografie verändert sich. So ist in den nächsten Jahren von einem Wachstum von Schülerinnen und Schülern auszugehen, die in die Berufsbildung starten wollen. Während bis 2023 also eher die Betriebe nach geeigneten Lernenden suchen mussten, wird sich das Blatt wohl wenden.
Diese demografische Entwicklung war auch der Grund dafür, dass die Zahl der Lernenden mit BM1 in den letzten Jahren zurückgegangen ist, weil schlicht weniger entsprechende Lehrverhältnisse abgeschlossen wurden. Der Anteil der Lernenden, die eine BM1 erfolgreich abgeschlossen haben, blieb dabei konstant. Erfreulich ist hingegen, dass die Zahl der BM2-Abschlüsse zwischen 2014 und 2023 um 12 % zugenommen hat, denn die Nachfrage des Arbeitsmarkts nach tertiären Abschlüssen ist weiterhin hoch.
Grundsätzlich scheint die Bereitschaft der Lehrbetriebe, BM1-Lernende auszubilden, trotzdem nicht gestiegen zu sein. Dabei profitieren solche Betriebe von einer signifikant höheren Anzahl an Bewerbungen und können so die besten Talente auswählen. Diese sind aber natürlich weniger oft im Betrieb, was der ausschlaggebende Grund für die Zurückhaltung zu sein scheint.
Beliebtheit der Ausbildung erhöht die Erfolgsquote
Manchmal scheint es auch, dass in den letzten Jahren die Anzahl der Lehrvertragsauflösungen zugenommen hat. Dieses Gefühl wird vom Bildungsbericht jedoch nicht bestätigt. Über alle Branchen werden rund ¼ der EFZ- und EBA-Lehrverträge aufgelöst. Doch 80% steigen wieder in eine Lehre ein. Je beliebter der Lehrberuf, desto tiefer ist die Abbruchquote und desto höher ist die durchschnittliche Erfolgsquote inkl. bestandenem Qualifikationsverfahren (QV).
Dabei spielen die Lehrbetriebe eine wichtige Rolle. Betriebe, die den Lernenden viele verschiedene Aufgaben stellen und auch solche welche eigene Lösungen ermöglichen, haben erfolgreichere Lernende bis und mit dem QV. Rund 94 % der Lernenden bestehen das QV beim ersten Versuch.
Nach dem QV steht der Arbeitsmarkteintritt an, welcher den Berufsbildungsabsolventen gut gelingt. Sie sind im ersten Jahr nach dem Abschluss durchschnittlich ein Monat weniger lange (und damit fast nicht) arbeitslos, im Vergleich zu Personen mit vollschulischer Ausbildung. Ebenso haben sie ein höheres Einkommen.
Innerhalb von 8 Jahren starten zudem 15 % ein Studium an einer Fachhochschule (FH). Bei solchen ohne Berufsmaturität treten rund ein Fünftel in die höhere Berufsbildung (HF), welche auch an der HKV Aarau angeboten wird, ein.
Ausbilden lohnt sich für die Lehrbetriebe finanziell
Gemäss dem Bildungsbericht lohnt sich die Ausbildung von Lernenden auch für die Ausbildungsbetriebe. Investitionen von 5 Mia. steht ein Nutzen von 5,7 Mia. gegenüber. Der Nutzen resultiert mehrheitlich aus der geleisteten Arbeit, welche seitens der Lernenden über die Ausbildungsjahre stets effektiver und produktiver erledigt wird.
Interessante Einblicke gibt der Bericht auch bezüglich Geschlecht und Berufswahl. Weiterhin wählen viele Jugendliche geschlechtstypische Berufe, wobei geschlechtsuntypische Berufswahlen bei den Frauen stärker zugenommen haben und bei den Männern auf tieferem Niveau konstant geblieben sind. Wichtiger Einflussfaktor bei der Berufswahl sind die Eltern und Mitschülerinnen und -schüler. Bei ethnisch stark durchmischten Klassen wählen mehr Schülerinnen und -schüler personenbezogene und damit frauentypische Berufe, weil die ethnische Durchmischung die Bildung sozialer Kompetenzen fördert.
Natürlich gäbe es noch viele weitere interessante Erkenntnisse aus dem Bildungsbericht, welche jedoch den Rahmen hier sprengen. Der Bildungsbericht kann auf der Webseite des SKBF heruntergeladen werden.
Jan Bolliger, Lehrer Wirtschaft und Recht, HKV Aarau