Der Problemfall war schnell identifiziert. Als Mirjam Suter, 27, am KV Aarau 2008 mit dem Ausbildungsgang zur Marketingfachfrau begann, wusste sie bereits, dass das Fach Rechnungswesen eine harte Nuss für sie werden würde. Zwar konnte die gelernte Polygrafin mit einem breiten Background aus der grafischen Welt in die anspruchsvolle Weiterbildung einsteigen, doch die erdrückende Mehrheit der anfangs 20-köpfigen Klasse am KV Aarau hatte kaufmännischen Hintergrund und somit eine bessere Basis für die Welt aus Soll und Haben. «Beim Start noch», sagt die Aargauerin, «hatte ich das Gefühl, das ich mit beherztem Einsatz dranbleiben könnte am Thema. Doch dann merkte ich, dass das nicht reichen würde.»
Dass Suter die Prüfung trotzdem schaffte, schreibt sie heute vor allem einem Faktum zu: «Dass ich mich in einer Lerngruppe auch privat konsequent auf die Prüfung vorbereitet hatte.» Zusammen mit zwei Mitschülerinnen habe man sich in der Regel einmal pro Woche getroffen – anfangs der Ausbildung noch weniger, gegen Schluss dann mehr – dabei vielfach Marketingkonzepte abgestimmt, korrigierte Arbeiten miteinander verglichen oder Lösungswege angeschaut. Auf der Schlussgerade vor der Prüfung kam dann auch das gegenseitige Abfragen des Prüfungsstoffes hinzu. Auch wenn man im schulischen Bereich manchmal davon hört, dass privat gebildete Lerngruppen vom Rest der Klasse als eine Art klandestiner Geheimbund beargwöhnt werden – am KV Aarau sei das überhaupt kein Problem gewesen. Aus einem einfachen Grund: «Praktisch alle aus unserer Klasse hatten sich in Lerngruppen organisiert.»
Die Beliebtheit dieses «Learning by teamwork» manifestiert sich nicht nur in jener Klasse, in der Mirjam Suter war. «Lerngruppen sind sehr stark verbreitet», sagt Rolf R. Eicher, der seit 1995 auf Mandatsbasis sämtliche Lehrgänge Marketing/Verkauf der Erwachsenenbildung Handelsschule KV Aarau leitet: «Rund drei Viertel aller Schülerinnen und Schüler organisieren sich in Lerngruppen.» Aus seiner Erfahrung – schätzungsweise 2 000 Marketing-Talente dürfte Eicher über die Jahre begleitet haben – sei Lernen in der Gruppe ein echter Erfolgsfaktor: «Die Chancen, so bei der Prüfung zu bestehen, steigen gegenüber dem Einzelkämpfertum um 50 Prozent.» Dies auch deshalb, weil es in den meisten Marketing-Disziplinen nicht um ein digitales richtig/falsch gehe, sondern in der Regel mehrere Wege zum Ziel führen: «In der Gruppe schult man die Variantenvielfalt, kann verschiedene Szenarien durchdiskutieren, lernt andere Taktiken kennen und erwirbt die Routine, die es gerade beim Lösen von Fallstudien braucht.»
Die Gefahr, dass sich in einer privaten Gruppe Halbwissen verbreiten kann, sieht Eicher nicht – im Gegenteil: «Wenn Unsicherheiten und Fragen auftauchen, dann stachelt das die Schüler in der Regel an, gleich mit diesen Unklarheiten beim Dozenten vorstellig zu werden.» Zwar sei die Bildung von privaten Lerngruppen die Sache der Studierenden. Aber angeschoben wird das Vorhaben auch von der Schulleitung: «Wir empfehlen auf jeden Fall, private Lerngruppen zu bilden. Wer sich in einer Lerngruppe engagiert, trägt dazu bei, das oft so entscheidende Quäntchen besser abzuschneiden und damit die Prüfung noch zu bestehen.» Tatsächlich geht aus der Statistik hervor, dass viele Prüfungen nur ganz knapp nicht bestanden werden, mit einer Durchschnittsnote von 3,9 etwa, oder weil statt der erlaubten zwei gleich drei ungenügende Noten erzielt wurden. Wer in der Gruppe ein persönliches Problemfach anpackt und es vom roten noch in den grünen Bereich umdrehen kann, steigert seine Chancen auf einen positiven Prüfungsabschluss dramatisch.
Wie setzt sich eine gute Lerngruppe zusammen? Natürlich sind da einmal die Basics, eine gewisse Sympathie unter den privat Lernenden ist vorauszusetzen, eine geographische Nähe ist ebenfalls erwünscht, damit die einzelnen Mitglieder nicht stundenlange An- und Abreisen einplanen müssen. «Zusätzlicher Erfolg», sagt Eicher, «lässt sich dann erzielen, wenn die Teilnehmer der Lerngruppen aus verschiedenen Branchen stammen, das verbreitert den thematischen Background.» Was dem Bildungsprofi auffällt: «In aller Regel sind es eher die Frauen, die in Lerngruppen pauken; bei Männern ist das Einzel-kämpfertum noch weiter verbreitet.» In Mirjam Suters Frauengruppe war die Branchenvielfalt gegeben. Neben ihrer Expertise aus dem grafischen Bereich kam dass Wissen aus der Bandweberei einer Kollegin hinzu, die dritte Dame im Bunde brachte Know-how aus dem Ladenbau ein. Gut traf es sich zudem, dass Suter beruflich oft Kontakt mit Kunden aus der Automobil-Branche hatte – denn aus diesem Bereich werden besonders oft Fallstudien ersonnen. Sind Lerngruppen auch altersgemischt zusammen-gesetzt, kann das einen weiteren Benefit bringen auf dem Weg zum Gipfel. «Bei uns war das zwar nicht der Fall, sagt Suter, «aber es könnte bestimmt hilfreich sein, wenn Leute mit verschiedenen Erfahrungen mitwirken.» Natürlich muss sich, wer neben dem Berufs-, Privat- und Schulleben auch noch privat in Lerngruppen arbeiten will, immer wieder neu motivieren.
Mirjam Suter, die sich heute neben ihrem Job im Marketing der Möbel Hubacher AG im Vorstand des Headline-Kommunikationsclubs Aargau/Solothurn ums Ressort Eventkoordination/Kommunikation kümmert, packte die Lerngruppen-Stunden oft auf den Samstag: «Da hatten wir jeweils bis Mittag Schule und hängten gleich noch eine oder zwei private Runden an. Dann aber habe man sich jeweils auch während der Woche getroffen, abends, alternierend zu Hause bei einer der Mitlernenden. Aber es gibt auch ein Ende der Fahnenstange, sagt Suter: «Mehr als eine Runde wöchentlich in der Lerngruppe macht meines Erachtens weniger Sinn, weil man ja neben der Schule oft noch ein strenges Berufsleben hat und auch sein privates Umfeld pflegen möchte. Wobei in ihrem Falle heute auch die damalige Lerngruppe zum privaten Umfeld gehört: «Daraus hat sich eine enge Freundschaft ergeben.» Zusammen mit ihren Freundinnen Dominique Cerullo und Milena Hunziker erreichte Mirjam Suter den Gipfel. Alle hatten bestanden. Daran konnte bei der Grafik-Fachfrau auch das Fach Rechnungswesen nichts ändern. Das Lernen in der Gruppe hatte Suter vor Ärgerem bewahrt. Auch darauf stiess sie mit ihren Freundinnen aus der Lerngruppe im Sommer 2009 an der Marketingfachleute-Diplomfeier im Kursaal Bern an.
[Erschienen in dem Magazin Werbewoche 03/2011 des Swiss Marketing Club]











